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Reiseberichte

A Letter to India

Maike Tornquist in Indien

Nach ihrer Reise durch Rajasthan schreibt Maike einen Brief an Indien. Darin sammelt sie Eindrücke aus intensiven Tagen, aus Gegensätzen, die sich nicht auflösen und aus Begegnungen, die den Ton der Reise durch diesen indischen Bundesstaat gesetzt haben. Ein persönlicher Blick auf ein Land mit vielen Stimmen und ebenso vielen Facetten.

Liebes Indien,

du kommst nicht auf leisen, vorsichtigen Sohlen daher. Du bist eher wie ein massiver Güterzug, der laut schnaubend auf einen zurollt – mit voller Wucht, ungebremst, überwältigend. Erst lässt du einen verdutzt und staunend zurück, bevor sich langsam, fast heimlich, eine leise Begeisterung einstellt. Kaum ein Land besitzt so viele und so ausgeprägte Ecken und Kanten wie du. Dich einfach nur „kontrastreich“ zu nennen, würde dir in keiner Weise gerecht werden. Jeder von uns trägt seine ganz persönliche Bucketlist mit sich herum – und du, Indien, kamst dieser Liste bei mir lange Zeit nicht einmal nahe. Zu präsent waren Vorurteile, zu groß die Unsicherheit vor dem Unbekannten. Am Ende war es die Aussicht auf Tigersichtungen, die den Ausschlag gab. Sie brachte mich trotz aller inneren Vorbehalte in den Flieger Richtung Rajasthan – in eine Region, die für viele als Inbegriff Indiens gilt: Paläste und mächtige Forts, alte Handelsstädte, Nationalparks, ländliche Gegenden und eine Geschichte, die bis heute sichtbar bleibt. Rajasthan vereint vieles von dem, was man mit dir verbindet. Und genau deshalb schien es mir der richtige Ort für diese erste, bewusste Annäherung.

Rajasthan

Zwischen Wucht und Offenheit

Und genau hier hast du mir gezeigt, was Reisen im besten Fall vermögen. Du hast mich ungefragt in deinen Bann gezogen, Türen geöffnet, die ich nicht erwartet hätte und mich vollständig eintauchen lassen in eine Welt, die fremd ist und gleichzeitig von einer unglaublichen Intensität und Farbigkeit lebt. Du entfaltest dich nicht vorsichtig. Du forderst Aufmerksamkeit, Präsenz und Offenheit – und schenkst im Gegenzug Eindrücke, Begegnungen und Bilder, die sich tief einprägen. Rajasthan hast du mir in vielen Bildern zugleich gezeigt: in Jodhpur, der wunderbaren Blue City, die für deine Verhältnisse fast aufgeräumt wirkt und mit dem Charme ihrer Menschen begeistert. In Jaipur mit Gewürzmärkten, engen Basargassen und alten Stadtpalästen, im enormen, immer lauten Delhi und vor dem Taj Mahal in Agra, das sich jeder Vergleichbarkeit entzieht. Bevor man bei dir überhaupt über Hotels, Routen oder Erlebnisse spricht, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Wusstest du, dass allein Delhi rund 35 Millionen Einwohner zählt? Dass Jaipur mit etwa 10 Millionen Menschen größer ist als viele europäische Hauptstädte? Oder dass deine Bevölkerungsdichte fast doppelt so hoch ist wie die Deutschlands? Diese Zahlen bleiben bei dir keine abstrakten Werte – man spürt sie in jeder Bewegung, in jeder Fahrt, in jeder Geräuschkulisse.

Rajasthan unterscheidet sich deutlich von deinem tropischen Süden und vom spirituell geprägten Norden entlang des Ganges. Hier ist alles trockener, klarer, architektonischer. Paläste, mächtige Forts, alte Handelsstädte und ländliche Gegenden wechseln sich ab, dazwischen liegen Nationalparks und weite Landschaften. Gerade diese Abfolge macht Rajasthan so geeignet für eine Rundreise – vorausgesetzt, man findet den richtigen Rhythmus. Auch dein Klima bestimmt den Takt. Die Wintermonate von Dezember bis Februar sind klar, sonnig und ideal. Der März wirkt wie ein sanfter Übergang, während Hitze im Frühjahr und Monsun im Sommer alles verändern. Mit diesem Rahmen im Kopf nehme ich Sie nun mit auf meine Reise durch Rajasthan – eine Reise zwischen intensiven Städten und stillen Rückzugsorten, die dem Erlebten Raum geben.

Delhi & Jaipur

Der erste Eindruck zählt

Delhi war mein erstes Ankommen bei dir. Straßen, die niemals still werden. Verkehr, der nach eigenen Regeln funktioniert. Stimmen, Hupen, Farben und Gerüche, die gleichzeitig auf einen einprasseln. Man merkt schnell: Entziehen geht nicht. Also lässt man es zu. Man schaut, hört zu, bleibt stehen, geht weiter. Und mitten in dieser Überforderung entstehen plötzlich ganz unscheinbare Momente: ein kurzer Blickkontakt, ein Lächeln, ein ungefragtes Helfen – als wäre es das Natürlichste der Welt. Jaipur fühlte sich anders an. Klarer, fast geordnet – zumindest im Vergleich zu Delhi. Die Pink City lebt von starken Gegensätzen. Zwischen lautem Feilschen und geschäftigem Treiben öffnen sich Innenhöfe, tauchen Fassaden in warmes Licht, entstehen kleine Pausen im Chaos. Hier ist Geschichte Alltag. Und genau das macht diese Stadt so eindrücklich.

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Amanbagh

48 Stunden, die alles veränderten

Die Reise ins Amanbagh war der Moment, in dem du mir erlaubt hast, langsamer zu werden. Bis hierhin war alles laut, dicht, fordernd. Und dann kommt man an – irgendwo zwischen Jaipur und Alwar – und merkt innerhalb weniger Minuten: Hier funktioniert alles nach anderen Regeln. Amanbagh liegt eingebettet in eine weite, fast leere Landschaft. Rund um das Hotel: Felder, Palmen, kleine Dörfer, Staub. Man bewegt sich durch offene Höfe, sitzt draußen, blickt von dort in die Landschaft – und merkt, wie der Kopf langsam hinterherkommt. Amanbagh wirkt, weil es nichts will. Genau deshalb war dieser Aufenthalt so wichtig. Hier sortiert sich, was Delhi und Jaipur ausgelöst haben – die Eindrücke, die Bilder, die Überforderung. Und plötzlich ist man wieder aufnahmefähig. Für dich. Für Indien. Für das, was noch kommt. Deshalb haben wir das Routing bewusst so gewählt, dass auf die dichten, herausfordernden Städte immer wieder solche Hotels folgten. Häuser abseits der klassischen Touristenpfade, die Raum für Ruhe lassen. Orte, an denen man Tempo herausnehmen kann, um Eindrücke sacken zu lassen – eine Slow-Travel-Zeit in besonderen Hotels wie dem Amanbagh.

Immer wieder waren es vor allem deine Menschen, die diese Orte für mich greifbar gemacht haben. Begegnungen, die ungeplant und gerade deshalb so präsent geblieben sind. Im Amanbagh wurde mir diese Feinheit besonders deutlich. Bei einem regnerischen Spaziergang durch ein Dorf wurden wir von einer jungen Frau, die wir zuvor nie gesehen hatten, spontan zu sich nach Hause eingeladen. Sie schenkte uns Tee ein, bat uns, uns aufzuwärmen. Ein stiller Moment, fast beiläufig – und doch einer der berührendsten der gesamten Reise. Eine andere Szene, irgendwo zwischen Stadt und Land, ist mir ebenso lebendig in Erinnerung geblieben. Ein älterer Herr sprach uns mit blitzenden Augen an und fragte, ob wir nicht ein Foto von ihm machen könnten. Mit sichtlicher Freude versuchte er dabei, möglichst viel Rauch aus seiner Pfeife zu produzieren, damit der Effekt auf den Bildern besonders gut zur Geltung kam.

Ranthambore

Dort wo sich alles um den Tiger dreht

Nach der Ruhe des Amanbagh hat sich die Stimmung spürbar verändert. Die Landschaft wurde dichter, die Wege belebter – und je näher wir Ranthambore kamen, desto präsenter wurde ein einziges Thema: der Tiger. In Gesprächen, auf Schildern, in Hotels, in der Erwartung der Besucher – alles kreist hier um dieses eine Tier. Ranthambore gilt als einer der Nationalparks mit der höchsten Tigerdichte in deinem Land, und diese besondere Stellung ist überall spürbar. Wer Safaris in Afrika kennt, weiß um dieses Gefühl: frühes Aufstehen, noch kühle Luft, ein Kaffee im Halbdunkel, vielleicht ein paar Snacks – und diese Vorfreude, die sich ganz von selbst einstellt. Bei dir funktioniert Safari anders. Der Ablauf ist strenger geregelt, die Parks sind klar zoniert, die Anzahl der Fahrzeuge hoch, die Zeitfenster fest vorgegeben. Es gibt keine endlose Weite, keine scheinbar unberührte Natur. Stattdessen bewegt man sich durch eine dicht besiedelte Landschaft, in der Mensch und Natur seit jeher eng miteinander verwoben sind. Genau das macht Ranthambore so besonders. Der Tiger ist hier kein fernes Symbol, sondern allgegenwärtig – in Spuren im Sand, an Wasserstellen, in Gesprächen zwischen Fahrern, Guides und Gästen. Selbst wenn man ihn nicht sieht, ist er präsent und bestimmt den Rhythmus des Tages. Unser Rückzugsort war das Suján Sher Bagh, ein kleines Camp im kolonialen Stil, grün eingewachsen und bewusst zurückhaltend. Das Tiger-Thema zieht sich hier durch das gesamte Camp – in einer Farbwelt aus Schwarz- und Goldtönen, in Details, die eher andeuten als erklären.

Jodhpur

Mein unerwartetes Highlight

Jodhpur hat mich überrascht. Nach all dem, was ich bis dahin bei dir erlebt hatte – der Dichte, der Lautstärke, der ständigen Bewegung – hätte ich bei dir nicht mit einer Stadt gerechnet, die so aufgeräumt, so klar und dabei so herzlich ist. Und genau deshalb hat sie mich sofort erreicht. Die Menschen begegnen einem offen und freundlich, mit einer Ruhe, die man bei dir nicht überall findet. In den blauen Gassen der Altstadt konnte ich langsamer werden. Ich bin gegangen, habe angehalten, geschaut, fotografiert. Alles wirkte strukturierter, ruhiger, fast selbstverständlich. Es war leicht, sich hier aufzuhalten, leicht, hier zu sein. Mitten in dieser Altstadt lag das RAAS Jodhpur: drinnen gut aufgehoben, draußen mitten im Leben. Abends saß ich auf der Rooftop-Terrasse, vor mir das beleuchtete Mehrangarh Fort. Solche Momente hattest du mir in Jodhpur viele geschenkt. Und jedes Mal fühlte es sich an, als würde ich dich hier ein kleines Stück besser verstehen.

Suján Jawai

Ein stiller Abschluss

Suján Jawai kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Nach all den Städten, den Märkten, den Geräuschen und dieser ständigen Dichte war das hier einfach gut. Bei dir, in Jawai, wurde es weiter. Ruhiger. Weniger Ablenkung. Ich habe sofort gemerkt: Der Takt ist ein anderer. Die Tage fühlten sich offener an. Bewegungen wurden langsamer, der Blick blieb länger an Kleinigkeiten hängen. Zwischen Felsen und Weite, zwischen Dörfern und Wegen entstand Raum. Du bist hier bekannt für deine Leoparden, die seit Generationen in unmittelbarer Nähe zu den Menschen leben. Dieses Zusammenleben ist überall spürbar – in der Landschaft, im Alltag, in der Selbstverständlichkeit, mit der beides nebeneinander existiert. Das Camp hat genau das aufgenommen. Die Farben – Rot, Schwarz und Weiß, angelehnt an die Kleidung der Rabari-Hirten – erzählen davon, ohne Worte zu brauchen. Hier entstehen Begegnungen ganz von selbst: beim Gehen durch die Landschaft, in kurzen Gesprächen, in Momenten, in denen man einfach stehen bleibt und schaut. Natürlich geht es bei dir in Jawai auch um Leoparden. Aber für mich war das Wichtigste alles drum herum. Das Unterwegssein zwischen Felsen und Dörfern, das Beobachten, das Warten. Dieses Gefühl, dass nichts erzwungen werden muss. Rückblickend war Suján Jawai ein perfekter letzter Stopp, der alles zusammengeführt, was Rajasthan für mich ausgemacht hat: Nähe, Zeit und Raum. Genau hier wollte ich bei dir enden.

Mein Fazit

Keine Frage, Indien ist kein Land, das jedem gefällt und um es genießen zu können, sollte man eine Portion Humor & Gelassenheit mitbringen und ein wenig mit dem "indischen Strom" schwimmen. Belohnt wird man dann aber mit unsagbar freundlichen Menschen, mit einer sagenhaften Architektur und der Geschichte der alten Paläste, mit bunten Märkten, einem authentischen Eintauchen in diese chaotisch Welt. Zum Abschluß soll noch gesagt sein, Tigerglück hatten wir keines auf dieser Reise, und trotzdem hat sich Rajasthan selber nach ganz oben auf die "wir müssen wieder hin"-Reiseliste gesetzt. Liebes Indien - auch wenn du uns herausgefordert hast, es war uns eine riesige Freude und eine Bereicherung.

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