Life before Vana
Die innere Vorbereitung
Ich kenne diese Art von Reisen. Wochen, die man bewusst wählt. Im Alltag sammeln sich oft viele Dinge gleichzeitig an – zu viele Termine, zu viele Tabs im Kopf, zu wenig Zeit, um den eigenen Körper überhaupt noch zu hören. Umso wertvoller war die Entscheidung, sich Zeit zu nehmen. Für das, was sonst zwischen all dem Tun wenig Platz bekommt. Ich bin nicht zum ersten Mal an einem Ort, an dem Stille Teil des Konzeptes ist, denn Retreats, Ayurveda-Aufenthalte und Zeiten des bewussten Rückzugs begleiten mich schon länger. Und genau deshalb war ich neugierig auf das Six Senses Vana. Nicht neugierig im Sinne von „mal ausprobieren“, sondern auf diese besondere Frage, die ich mir bei solchen Orten immer stelle: Wird es wirklich still in mir – oder nur leiser um mich herum? Als ich nach Uttarakhand reise, in den Norden Indiens, denke ich kurz an all die Konzepte, die ich schon erlebt habe. Gleichzeitig weiß ich, wie kraftvoll ein Ort sein kann, wenn Erfahrung, medizinische Tiefe und Atmosphäre zusammenfinden.



Die medizinische tiefe
Six Senses Vana
Six Senses Vana liegt am Stadtrand von Dehradun, eingebettet in einen Salwald, in einer Landschaft, die einen sofort anders atmen lässt. Der Name „Vana“ bedeutet „Wald“ – und genau so fühlt es sich an: als würde man in einen geschützten Raum treten, in dem der Körper von allein beginnt, sich umzuschalten. Was ich am Six Senses Vana von Anfang an spannend finde, ist die medizinische Klarheit. Drei Heiltraditionen tragen das Programm:
- Ayurveda: Die jahrtausendealte indische Heilkunst betrachtet Körper, Geist und Lebensrhythmus als Einheit. Im Six Senses Vana beginnt Ayurveda mit der Bestimmung des persönlichen Dosha-Typs, der allein über den Puls ermittelt wird. Auf dieser Basis entstehen individuelle Behandlungs- und Ernährungspläne, die auf Ausgleich, innere Ordnung und nachhaltige Balance ausgerichtet sind.
- Tibetische Medizin (Sowa Rigpa): Sowa Rigpa ist die traditionelle Heilkunst Tibets und verbindet Elemente aus Ayurveda, chinesischer Medizin und buddhistischer Philosophie. Im Six Senses Vana besitzt sie ein eigenes, seltenes Sowa-Rigpa-Center. Die Anwendungen arbeiten besonders mit Druck, Energiepunkten und Wärme und zielen darauf ab, das innere Gleichgewicht sanft zu regulieren und tief sitzende Spannungen zu lösen.
- Traditionelle Chinesische Medizin (TCM): Die chinesische Medizin basiert auf dem Zusammenspiel der fünf Elemente und dem freien Fluss der Lebensenergie. Im Six Senses Vana wird sie vor allem durch Akupunktur, Atemarbeit und energetische Anwendungen integriert. Ziel ist es, Blockaden zu lösen, Systeme im Körper miteinander zu verbinden und Klarheit auf körperlicher wie mentaler Ebene zu fördern.
life at vana
Ein Ort, der weiß, was er tut
Meine Tage im Six Senses Vana beginnen mit einem Gespräch. Gleich nach meiner Ankunft treffe ich meine betreuende Ärztin, Dr. Aswati. Wir sitzen uns ruhig gegenüber. Sie hört zu, beobachtet, stellt Fragen. Dann folgt das Wellness-Screening, das hier die Grundlage für alles ist. Die Bestimmung meines Ayurveda-Dosha-Typs erfolgt ausschließlich über den Puls. Dr. Aswati legt zwei Finger an mein Handgelenk, schließt kurz die Augen und bleibt ganz bei diesem Moment. Unter anderem aus dieser Pulsdiagnose, aus unserem Gespräch und aus der Beobachtung entsteht mein persönlicher Behandlungsplan. Kurz darauf betrete ich meinen Living Space, einen ruhigen, klaren, modernen Raum. Im Schrank liegt bereits alles bereit: frisch gewaschene Kurta-Pyjamas, leichte Schuhe, alles in Weiß. Mein Handy verschwindet. Ganz selbstverständlich. Ein persönliches Learning ziehe ich schnell daraus: Eine Uhr mitzunehmen ist hilfreich, um pünktlich zu den Treatments zu erscheinen, ohne die Uhrzeit am Handy abzulesen. Ich ziehe meine Kurta an und ab diesem Moment beginnt meine Bewusstseinsreise wirklich. Alles fühlt sich vorbereitet an, getragen von Fachleuten, Spezialisten, Menschen, die wissen, was sie tun. Viele der Therapeutinnen und Therapeuten stammen aus Südindien, aus Regionen, in denen Ayurveda und Heilkunst Teil des Alltags sind.



Wenn der Körper übernimmt
Was bedeutet es eigentlich, loszulassen? Nicht im Kopf, nicht als Vorsatz, sondern spürbar und ehrlich. Haben Sie schon einmal erlebt, wie sich Spannungen lösen, fast wie auf Knopfdruck, obwohl niemand gedrückt hat? Im Six Senses Vana passiert genau das. Anwendungen greifen ineinander, bauen aufeinander auf, begleiten den Körper über Stunden hinweg. Oft beginnt es mit einer klassischen ayurvedischen Abhyanga. Zwei Therapeutinnen arbeiten synchron, die Bewegungen mit warmem Öl sind ruhig und gleichmäßig. Etwas beginnt sich zu ordnen, ohne dass man es bewusst steuert. Es ist dieses Gefühl, wenn der Körper wieder weiß, was er eigentlich kann. Darauf aufbauend vertieft sich die Wirkung. Kräuterstempel, erhitzt und rhythmisch eingesetzt, bringen Wärme dorthin, wo Spannung sitzt. Patra Pinda Sweda wirkt gleichzeitig kräftigend und ausgleichend, als würde der Körper eingeladen werden, Altes loszulassen und Raum für Neues zu schaffen. Muskeln reagieren, innere Blockaden lösen sich spürbar und was bleibt, ist ein Gefühl von Stabilität.



Eine besondere Tiefe erhält der Aufenthalt durch die tibetische Medizin, die im Six Senses Vana einen außergewöhnlichen Stellenwert hat. Das hauseigene Sowa-Rigpa-Zentrum ist weltweit eine Seltenheit – und das merkt man unmittelbar. Schon der Weg dorthin wirkt anders. Eine Treppe führt hinab, das Licht wird gedämpft, eine konzentrierte Stille breitet sich aus. Während Behandlungen wie Ku Nye oder Hor Gyi Metsa liegt leises Chanting (Klangvibrationen) in der Luft. Hier arbeiten spezialisierte Ärzte und Therapeuten, deren Wissen über Generationen weitergegeben wurde. Die Anwendungen gehen sehr gezielt vor. Mit Druck, Wärme und speziellen Ölen werden Punkte behandelt, die tief im Körper wirken. Spannungen zeigen sich dort, wo man sie nicht vermutet hätte und lösen sich mit erstaunlicher Klarheit. Mein Aufenthalt wird ebenfalls begleitet von feinen Nadelstichen. Akupunktur-Sitzungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Tage. Die Nadeln werden ruhig gesetzt, entlang der Meridiane, präzise und konzentriert. Gedanken ordnen sich, Energie findet ihren eigenen Rhythmus. Was alle Anwendungen verbindet, ist die Präsenz der Menschen, die sie ausführen. Jede Behandlung beginnt mit einem Gespräch, jede Reaktion des Körpers wird wahrgenommen, eingeordnet und begleitet, wodurch mach sich gehalten, geführt und verstanden fühlt.
Ist das Magie? Vielleicht fühlt es sich manchmal so an. Doch im Six Senses Vana ist es die Erfahrung, die wirkt. Das Wissen uralter Heilkünste, verbunden mit Zeit, Aufmerksamkeit und einer Umgebung, die nichts fordert. Und genau darin liegt die eigentliche Kraft: Man muss nichts tun. Man darf einfach geschehen lassen. Es entsteht Vertrauen – in die Therapeuten, in deren Wissen und vor allem in den eigenen Körper.
Auch die Küche folgt diesem individuellen Weg und ist tief mit der Philosophie des Hauses verwoben. Achtsamkeit prägt jede Mahlzeit, saisonale und lokale Zutaten bestimmen den Rhythmus. Zu jeder Mahlzeit gibt es mehrere Optionen, abgestimmt auf meinen persönlichen Essensplan, mit Gerichten wie Khichdi, gedünstetem Gemüse mit Gewürzen, Moong-Dal-Chilla oder Ragi-Dosa, ergänzt durch ein Buffet. Am Morgen trinke ich einen Tee aus Anis, Kreuzkümmel und frischem Koriander. Am Nachmittag entdecke ich etwas, das ich vorher nicht kannte: Bananentee mit Zimt. Geschälte Bananen werden mit Zimtstangen warm aufgegossen – eine einfache, natürliche Möglichkeit, etwas Süße in den Tag einzubauen.



Signatures
Einige Erlebnisse prägen sich tiefer ein als andere. Zu diesen Signatures gehört für mich die Watsu-Session. In der chinesischen Medizin wird der Mensch über die fünf Elemente verstanden: Wasser steht für Tiefe, Ruhe und Loslassen, Holz für Wachstum und Bewegung, Feuer für Lebendigkeit, Erde für Stabilität und Metall für Klarheit. Watsu widmet sich ganz dem Element Wasser. Im warmen Becken trägt das Wasser den Körper, Bewegungen entstehen ruhig und gleichmäßig, der Atem wird langsamer, der Kopf still. Neben dem festen Anwendungsplan bleibt im Six Senses Vana immer Raum für Yoga und Meditation. Abends besteht die Möglichkeit, an einer Candle Meditation teilzunehmen. In einem dunklen Raum ruht der Blick auf einer einzelnen Flamme, so lange, bis sich Gefühle lösen, manchmal begleitet von Tränen. Alles darf sich zeigen.

Rishikesh
Am Ganges, bei der Aarti
An einem Nachmittag verlasse ich das Six Senses Vana für einen privaten Ausflug nach Rishikesh. Mit einem privaten Guide geht es etwa eineinhalb Stunden Richtung Ganges. Der Ort ist belebt und international geprägt, viele Menschen kommen hierher, um Yoga zu praktizieren oder sich ausbilden zu lassen. Der Ganges fließt erstaunlich sauber durch die Stadt. Menschen baden im Wasser, sitzen am Ufer, Raftingboote treiben vorbei. Ich gehe über die Hängebrücke und beobachte das Leben, das sich ganz selbstverständlich um den Fluss bewegt. Am Abend sitze ich auf den Stufen direkt am Wasser, ein Mönch spricht eine Segnung, dann beginnt das Ritual mit Feuer und Gesängen. Wissen Sie, wofür die Aarti-Zeremonie in Rishikesh steht? Aarti ist ein Ausdruck von Dankbarkeit und Hingabe, ein Moment des bewussten Innehaltens. Jeder hält eine kleine Schale aus Blättern in den Händen, gefüllt mit Blumen und einem Teelicht. Sie steht dafür, Gedanken oder Anliegen loszulassen und dem Fluss zu übergeben. Ich setze sie auf das Wasser und sehe zu, wie sie davontreibt.






Am Fuße des Himalayas
Die schönsten Morgenstunden
Ich liebe es, draußen zu sein. Die schönsten Morgenstunden sind für mich die, die ich in Bewegung verbringe, frische Luft einatme und den Tag langsam beginne. Früh, oft zum Sonnenaufgang, gehe ich mit einem Guide auf schmalen Pfaden hinauf in die Hügel am Fuß des Himalaya. Drei- bis viermal pro Woche führen diese Wanderungen an unterschiedliche Orte. Die Luft ist klar und der Kopf wird frei. Oben öffnen sich spektakuläre Aussichten auf Dehradun und Mussoorie, Orte, die man vom Six Senses Vana aus schon erahnt, hier oben aber ganz anders wahrnimmt. Manchmal liegt ein kleiner Tempel am Weg. Wir halten kurz an, es gibt eine Segnung. Das sind diese kleinen Momente, in denen mir bewusst wird, an welch spirituellem Ort der Welt ich mich gerade befinde. Die Segnung soll schützen und den Tag unter ein gutes Zeichen stellen, bevor wir weitergehen, Schritt für Schritt.
life after vana
Eine neue innere Ordnung
Der Abschied fühlt sich nicht wie ein Abschluss an. Ich packe meine Sachen, falte die Kurta ein letztes Mal zusammen und gehe noch einmal durch die Anlage und lasse meinen Blick in den Salwald schweifen. Ich verlasse diesen Ort ohne das Bedürfnis, etwas festzuhalten oder mitzunehmen. Keine Vorsätze, keine Regeln für den Alltag. Auch nach meiner Abreise bleibe ich in Kontakt mit Dr. Aswati, als leise Verbindung zu dem Weg, den ich im Six Senses Vana begonnen habe. Zurück im Alltag bemerke ich kleine Veränderungen. Ich nehme Vieles bewusster wahr und erkenne schneller, wann etwas abgeschlossen ist und wann etwas noch mehr Aufmerksamkeit braucht. Manchmal halte ich kurz inne und denke an einen Morgen im Salwald, an die ersten Schritte auf einem stillen Weg, an den Blick über das Tal. Es gibt Augenblicke, in denen ich mir eine einfache Frage stelle: Wie fühlt sich dieser Moment an, wenn ich ihm nichts hinzufüge? Und das Schönste: Ich merke, dass es nicht darum geht, das Six Senses Vana nachzuspielen. Es geht darum, die Essenz mitzunehmen. Die innere Achtsamkeit. Manchmal frage ich mich jetzt im Alltag: Was würde mein Körper heute wählen, wenn ich ihm zuhöre? Und genau diese Frage ist vielleicht das größte Geschenk.
